Fahr mir das Lied vom Tod…
Mitfahrgelegenheiten sind wie eine Wundertüte. Forrest Gump würde wohl sagen, sie sind wie eine Schachtel Pralinen - man weiß nie, was man bekommt. Als Gegenleistung für die nicht immer angenehme Überraschung: Kein ständiges Umsteigen von Zug zu Zug, kürzere Fahrtzeiten und am wichtigsten: Gespartes Geld, das man dann - einmal angekommen - beim Shoppen ausgeben kann. Drei schlagende Argumente also. Meine letzte Mitfahrgelegenheit hieß Peter Dick. Hört sich urdeutsch an? Nicht ganz. Nach dem kurzen Telefonat hätte ich auf einen kleinwüchsigen Inder getippt, doch weitgefehlt. Was mich erwartete, war ein stämmiger Russe, groß wie ein Baum und mit einem Fahrstil so rauh wie die Winter in Sibirien…
“Es dauert noch etwas länger, komme grad aus OP, Schlagader von Patient geplatzt”, sagt meine Mitfahrgelegenheit bei meinem letzten Kontrollanruf. Der große Russe, den ich bis dahin noch für einen kleinen Inder hielt, schien Arzt zu sein. Irgendwie beruhigend. Klar - auch Ärzte könnten Psychopaten sein, dennoch erschien mir das Risiko geringer. Da wusste ich allerdings noch nicht, dass “Risiko” bei dieser Fahrt groß geschrieben werden würde.
Als Peter Dick aus dem Krankenhaus gestapft kommt, wird mir klar - so sieht kein kleinwüchsiger Inder aus. Er ist Russe, ein ziemlich großer und kräftiger sogar. Schon während der ersten Schritte Richtung Auto berichtet mir Peter én Detail vom blutüberströmten Blinddarm, von der geplatzten Schlagader und von “mussten wir Bauch aufschneiden, kannst du nix machen”. Mein viel zu bildliches Vorstellungsvermögen schlägt mir mal wieder eine Schnippchen und ich sehe Peters Wurstfinger förmlich vor mir, wie sie sich durch die Gedärme des Patienten wühlen. “Welche Abteilung denn”, frage ich. “Radiologe”, antwortet Peter. Super, hätte er das nicht gleich sagen können? Das hätte mir einige hässliche Bilder in meinem Kopf erspart.
“Genau 250 Kilomater wir haben vor uns”, sagt er. “Das macht dann…?”, frage ich. “Drei Stunden, bei schöne Wetter wir können zügig fahren. Ich nicht rasen, aber Straßen frei, wir können schnell ankommen”, prognostiziert er in gebrochenem Deutsch. Schnell ankommen, ohne zu rasen? Hört sich gut an! Allerdings musste ich schon sehr bald feststellen, dass “nicht rasen” ein sehr dehnbarer Begriff und der russische Männerstolz eine gefährliche Zier ist.
Warum Männerstolz? Ich zitiere nur: “Siehst du da. Der will Spielchen spielen. Kannst du haben. Wenn wir auf Autobahn, wir werden sehn, wer schneller, Freundchen!” Einmal gereizt, fühlte sich der aufbrausende Russe Peter bereits auf der Landstraße zu lebensbedrohlichen Überholmannövern angestichelt. Denn ja - wenn ich quasi schon die Augenfarbe der Fahrer auf der Gegenfahrbahn erkennen kann, halte ich das für durchaus bedenklich. Das sah Peter aber offensichtlich anders. Sein sibirisches Temperament war nicht zu zügeln. Im Gegenteil: Mit jedem weiteren Überholmannöver heulte der Motor lauter und meine Füße traten fester auf die imaginären Bremsen des Beifahrersitzes.
Ich sagte nichts, denn mir fehlten schlichtweg die Worte. Alles was ich machte, war Beten und Hoffen. Hoffen darauf, dass der Fahrer hinter uns, von dem sich Peter Dick herausgefordert fühlte, endlich verschwinden würde - und der russische Zorn mit ihm. Doch nix da: Kaum erspähte meine Mitfahrgelegenheit die Autobahnauffahrt, ging es richtig los: “Jetzt können wir sehen, wer besser, Freundchen!”. Während ich mich an meinem Sitz festkrallte, griff Peter zu allem Überfluss auch noch in sein Kasettenfach, so dass nun nicht nur meinem Magen, sondern auch meinen Ohren ganz schlecht werden sollte. Was da in voller Lautstärke aus den Boxen dröhnte, waren doch tatsächlich die Uralt-Hits von Christina Aguilera, Cher, Britney Spears und Jennifer Lopez. Klar - vor ungefähr hundert Jahren fand ich diese Musik auch klasse, aber heute, und vor allem auf leeren Magen bei einer Geschwindigkeit von 220 km/h ganz bestimmt nicht.
Als Peter endlich erkannte, dass der dunkelgrüne Audi hinter uns, gar nicht der Rivale von der Landstraße war, gab er endlich auf und pendelte sein Tempo bei mehr oder weniger eträglichen 180 km/h ein. Als er schließlich eine Zigarette anzündete, flammte Hoffnung in mir auf. “Das ist genau das, was ich jetzt brauche: eine Anti-Stress-Kippe”, dachte ich mir. “Stört dich nicht, wenn ich rauche”, fragte Peter. “Nein, ich bin doch selber Raucherin”, sagte ich mit einer gewissen Erwartungshaltung in meiner Stimme. “Tut mir leid, aber in meine Auto ich der einzige, der rauchen”, antwortete er, während meine Mundwinkel zum Sturzflug gen Kinn ansetzen. “Was für ein Macho”, dachte ich. Und ein Macho ist er in der Tat: Ununterbrochen sprach Peter von Autos, erzählte mir, dass sein nächster Wagen ein Jaguar sein würde und sagte mir nicht nur ins Gesicht, wie toll er es findet, dass ich von Autos keine Ahnung habe, sondern auch dass er es mag, dass ich Rock trage - beides müsste ja bei “richtigen” Frauen so sein.
Was soll man bei alledem noch sagen? Wohl vor allem, dass ich diesmal wohl eine der Pralinen mit herbbitterer Likörfüllung erwischt hatte. Aber ich habe überlebt. Immerhin. Selbstverständlich habe ich mich für die Höllentour samt Höllenmusik angemessen entschädigt: Vier paar Schuhe an einem Wochenende waren wohl mehr als angemessen. ![]()
Mai 6, 2008 um 3:35
Ich sollte wohl auch mal wieder ne Mitfahrgelegenheit nutzen. Nirdgendwo erlebt man Schrägeres. Obwohl potenziell tödliche Überholmanöver, da können mich auch nicht vier Paar Schuhe locken…
Mai 12, 2008 um 5:52
Da fahre ich doch lieber mit meinem eigenen Auto
Mai 12, 2008 um 7:15
Ach ich danke euch, Schatzis! Ach und übrigens: No risk, no fun, ihr Schisser!